Sopran-, Alt, Tenor, Basset-Blockflöte (Bassano)

Venedig, 1535
A= 465, 440, 415 auch mit austauschbaren Unterteilen
zweiteilig

Sylvestro di Ganassi (1492 - ? ), Spieler und Theoretiker, veröffentlichte 1535 in Venedig seine berühmte Blockflötenschule „Opera intitulata Fontegara“ mit sehr ausführlichen Grifftabellen. Auffällig ist bei seinen Tabellen der große Tonumfang mittels „reinem“ Überblasens. Mit ziemlicher Sicherheit kann man davon ausgehen, dass Ganassi keine Flöten baute.
In seinen Tabellen unterscheidet er drei verschiedene Hersteller mit folgenden Signierungen:
       1) A
          Diese Signierung steht für Albrecht Schnitzer (gestorben 1524 oder 1525)
          undSohn Hans (begraben 1565), Stadtpfeifer und „Pfeifenmacher“
          (Holzblasinstrumentenmacher) in München

       2)
          diese steht für Hans Rauch von Schratt(enbach), aktiv um 1535,
          inSchrattenbach. (Allgäu).

       3) B
          Eine Zuordnung zu einer Werkstatt ist derzeit nicht möglich.  
          Die Bassano’s können wohl nicht gemeint sein,
          da ihre Instrumente mit der bekannten „Hasenpfote“ signiert wurden.

Offenbar kannte und spielte Ganassi diese Flöten. Leider sind Altblockflöten von Rauch und Schnitzer nicht überliefert.

In der Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien fiel mir vor einigen Jahrzehnten eine Altblockflöte in g’, a=460 Hz auf, welche einen Tonumfang von zwei Oktaven bei Einsatz von „Ganassi – Griffen“ aufwies (rein überblasende Flöte).
Das Instrument ist mit !! („Hasenpfote“) signiert. Seit kurzem werden diese Instrumente den Mitgliedern der Familie Bassano - Spieler, Instrumentenbauer, Komponisten – (Venedig und London) zugeschrieben. Flöten von Bassano finden bei Ganassi keine Erwähnung, es sei denn, die Signierung ‚B’ stünde für Bassano.
Da wir die obengenannte Flöte Bassano zugeschreiben, kann man sie - unter der Voraussetzung, dass Jeronimo Bassano (gest. 1539 oder 1445) auch als Flötenbauer tätig war- auf den Beginn des16. Jh. datieren. Unklar bleibt dann allerdings die Tatsache, warum Ganassi diese Flöten nicht erwähnt.
„Stammvater“ der Bassanos, Jeronimo, findet im Jahre 1512 als Mitglied der Dogen-Kapelle (Ser Jheronimo trombon) bzw. auch als Jeronimo pifaro, nicht jedoch als Instrumentenmacher Erwähnung. Dies könnte eine Erklärung für die Tatsache sein, dass Ganassi Bassano nicht aufführt. Als Hersteller unserer Altflöte kämen dann nur die um die Mitte des 16.Jh. aktiven Söhne in Frage: Alvis (gest. 1554), Anthony I (gest. 1574), John (gest. 1570) Jasper (gest. 1577). Sie lebten sowohl in Venedig als auch in London und besaßen nachweislich in der Nähe der „City“ von London seit 1544 oder früher bis 1552 eine Musikinstrumentenwerkstatt. Als Hoflieferanten Heinrichs VIII. sind mit Sicherheit auch Blockflöten von ihnen im Inventar des Hofes von 1547 aufgelistet, wenn auch nicht namentlich.
Ihre Instrumente scheinen in ganz Europa verbreitet gewesen zu sein. Viele aus England stammende Holzblasinstrumente im 16. Jh. können ihnen zugeschrieben werden. So nennt ein Inventar in Augsburg von 1566 ein „groß Fuetter darina 27 flötten, gross und klain, so in Engellandt gemacht werden“. Mit Sicherheit kann man die 1571 am Münchener Hof inventarisierten 45 Blasinstrumente (Schalmei, Krummhorn, Cornett, Blockflöte) zuordnen: „so zu London gemacht seind worden, von der Baßani bruedern“
Ihr Bruder Jacomo (gest. 1559/66) wirkte in Venedig als pifferi del doge (Holzbläser im Dienste des Dogen) und als Holzblasinstrumentenbauer. Mit seinem Schwiegersohn Gritti verfertigt er für den Hof des Dogen Consorts von Querflöten, Blockflöten, Schalmeien, Cornetti und Krummhörnern.
Die nächste Generation stellen Arthur und der schon erwähnten Gritti. Bei Arthur (1547 bis 1624) handelt es sich wahrscheinlich um ‚Mr Barsano, einer der Musiker seiner Majestät, welcher edle Holzblasinstrumente verfertigt’.
Sein Sohn Anthony II (1579 bis 1658) ist als Musikinstrumentenbauer dokumentiert.

In den letzten 2 Jahrzehnten hat sich ein „Ganassi-Flötenbau-Stil“ entwickelt, der auf den vor einigen Jahren verstorbenen Blockflötenbauer Frederick Morgan zurückgeht: ein lauter, „schreiender“, aber gleichzeitig unflexibler Klang.
Ich kann mir an dieser Stelle ein Zitat von Michael Praetorius aus Band III seines Syntagma Musicum von 1619 nicht verkneifen: „ So kann man das gantze Accort vnd Stimmwerck der Flötten/ sonderlich die fünff Sorten von den größsten anzurechnen/ weil die kleinen gar zu starck vund laut schreien / gar wol und füglich gebrauchen...“ Praetorius würde sich beim Hören der „modernen Ganassi-Flöte“ wohl im Grabe herumdrehen., wobei festzuhalten ist, dass die originalen Sopran- und Altblockflöten im Vergleich zu den sog. Ganassi-Flöten weder gar zu stark sind noch laut schreien!
Morgan hat nach eigener Aussage die obengenannte Wiener Bassano-Flöte als Ausgangspunkt genommen, aber essentielle Eingriffe in der Bohrung vorgenommen (zu enge Bohrung des Kopfstücks und keine Verengung beim 6. Griffloch, Schalloch extrem weitgebohrt).
Die Originalflöte ist das genaue Gegenteil der modernen Ganassi-Flöte: grundtönig, voller, runder flexibler Klang, tragfähiger Ton und ausgeglichenes Timbre über 2 Oktaven.
Seit nunmehr zwei Jahrzehnten mache ich Kopien von dieser Bassano-Flöte, wobei ich mich in jeder Beziehung so nahe wie möglich am Original orientiere.
Sopran- und Tenorblockflöte existieren in der Bauweise dieser Bassano-Flöte nicht. Die von mir angebotenen Sopran- und Tenorflöten sind von der Altflöte rechnerisch abgeleitet.
Die Basset-Flöte ist die Kopie eines im Instrumenten-Museum Berlin aufbewahrten Instruments, welches der Bassano-Werkstatt zugeschrieben werden kann.

G.Klemisch: G.M. Klemisch, „Die Kernspaltflöte um 1500“ in „Heinrich Isaac und Paul Hofhaimer im Umfeld...“, Innsbruck 1997)
Graham Lyndon-Jones in FoRHIQ 47, 1987, S.55
William Waterhouse, „The New Langwill Index“ London, 1993, ISBN 0-946113-04-1
Pillip T. Young , 4900 Historical Woodwind Instruments, London 1993